Herausforderungen für Sanitätsdienst und zivile Kliniken im Kriegsfall
-
22. September 2026
-
T. Matysik
Rund 1.000 Verwundete pro Tag, darunter 70 Prozent Traumapatienten – mit dieser Größenordnung rechnet die Bundesregierung im Bündnis- und Verteidigungsfall. Was das für den Sanitätsdienst der Bundeswehr und für die zivilen Kliniken bedeutet, erläuterte Flottillenarzt Dr. Thorsten Holsträter vom Bundeswehrkrankenhaus Ulm bei einem Vortragsabend im Klinikum rechts der Isar.

Eingeladen hatten der Münchner Arbeitskreis Reserveoffiziere (MAKRO e. V.), die Reservisten-Arbeitsgemeinschaft Sanitätsdienst Bayern und die Stiftung Chirurgie am Klinikum rechts der Isar.
Die Erfahrungen aus der Ukraine zeigten, dass klassische Schussverletzungen nur etwa fünf Prozent der Fälle ausmachten, so Holsträter. Der weit überwiegende Teil seien Sprengverletzungen der Gliedmaßen durch Drohnen. Diese würden in der Regel bereits im Gefechtsumfeld mit einem Tourniquet stabilisiert. Die in Afghanistan noch maßgebliche „Golden Hour“ lasse sich wegen der allgegenwärtigen feindlichen Drohnen nicht mehr einhalten. Gemeint ist damit die klinische Versorgung Schwerverletzter innerhalb einer Stunde.
Die Ausbildung der Soldaten konzentriere sich daher auf das Konzept „Prolonged Field Care“, also die längere Versorgung Verwundeter vor Ort. Holsträter betonte, die Bundeswehrkrankenhäuser müssten einen großen Teil ihres Personals für militärische Aufgaben näher am Kampfgeschehen abgeben. Das gelte auch für das Bundeswehrkrankenhaus Ulm. Aufgaben der Bundeswehrärzte müssten daher von zivilen Kollegen übernommen werden.
Die Patientenversorgung in den Bundeswehrkrankenhäusern werde dann vor allem von Reservedienstleistenden getragen Für die Kliniken bedeute das einen Systemwechsel. Bisher entscheiden sie selbst über die Aufnahme von Patienten (Pull-Verfahren), künftig würden ihnen Patienten zugewiesen (PushVerfahren). Die Zuweisung übernehme eine zentrale zivil-militärische Patientensteuerung des Sanitätsdienstes. Eine Übungslage lautete entsprechend: „Im Bahnhof steht ein Zug mit 150 Verwundeten, die Patienten sind von den örtlichen Kliniken zu übernehmen.“ Die Kliniken dürften Patienten dann nicht mehr wegen Auslastung ablehnen, sondern seien zur Behandlung verpflichtet. In der Pflicht stünden vor allem die großen Häuser. Überlastung werde dort über längere Zeit zum Normalzustand. Ressourcen und Personal stünden damit nicht mehr im gewohnten Umfang pro Patient zur Verfügung.
Ein weiteres Risiko liege im Personalbestand selbst. Viele Klinikbeschäftigte seien mehrfach verplant, etwa zusätzlich in Hilfsorganisationen, beim Technischen Hilfswerk (THW) oder als Reservisten der Bundeswehr. Das könne zu Konflikten in der Personalplanung der jeweiligen Bedarfsträger führen. Hinzu komme, dass zivile Kliniken die typischen Verwundungsmuster bislang eher aus dem Lehrbuch kennen als aus der klinischen Praxis. Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Fälle aus der Ukraine sei schwierig, weil keine einheitliche Datenbasis zur Verfügung stehe.
Co-Referent Oberstabsarzt Jan-Felix Kruschina vom Bundeswehrkrankenhaus in Ulm berichtete von einer Reise nach Israel, wo sich die Kliniken unter anderem auf Raketenbeschuss vorbereiten müssten. In der Ukraine seien bislang mehr als 2.700 Angriffe auf medizinische Einrichtungen dokumentiert worden. Deutsche Kliniken müssten sich daher zwingend mit dem Szenario auseinandersetzen, selbst Ziel von Angriffen zu werden. Die israelischen Kriegserfahrungen seien zwar anders gelagert, aber durchaus vergleichbar. Alle Kliniken, die er besucht habe, verfügten über Strategien, um unter Beschuss weiterzuarbeiten. So seien die Tiefgaragen systematisch als Behandlungs- und Pflegebereiche ausgestattet, mit Anschlüssen für Strom, Wasser und Sauerstoff. Der Klinikbetrieb lasse sich binnen weniger Stunden dorthin verlagern, und das werde regelmäßig geübt.

Generalarzt Prof. Dr. Kai Kehe, stellvertretender Kommandeur der Sanitätsakademie der Bundeswehr, schloss den Abend mit dem Wunsch, dass man diese Szenarien hoffentlich nie erleben müsse. Vorbereitet sein müsse man trotzdem.
Nach dem Vortrag verlegten 30 Teilnehmer noch in den Hofbräukeller zu einem schönen Kameradschaftsabend, der den Tag gemütlich mit vielen Gesprächen ausklingen ließ.

Schreibe einen Kommentar